Grußwort von Dr. Ulrich Maly

Oberbürgermeister der Stadt Nürnberg

Fünf starke Worte, die starke Gefühle wecken: Sehnsucht, Heimat, Flucht, Vertreibung, Neuanfang.

 

So gereiht zeichnen sie auch eine Zeitreise nach: In wehmütiger Erinnerung an den biographischen Herkunftsort, den man unter Zwang oder aus Selbstschutz verlassen musste, richtet sich die Hoffnung auf ein sicheres Zuhause und eine bessere Zukunft woanders. Manche werden sogar heimisch am neuen Ort, wie in dieser Ausstellung deutlich wird: ,,Seit langer Zeit wohne ich jetzt in Nürnberg. Ich fühle mich hier sehr wohl. Und ich würde sagen: Heimat ist da, wo man sich wohlfühlt.“ Andere schränken es etwas ein: ,,Ganz heimisch bin ich hier nicht. Aber ich fühle mich wohl. Es geht mir gut.“


Neben nach 1945 aus Mittel- und Osteuropa vertriebenen Deutschen kommen auch kürzlich aus den Kriegs- und Krisenregionen dieser Welt geflüchtete Menschen zu Wort. Für beide Gruppen sind Gegenstände, die sie auf der Flucht mit sich trugen, zum Sinnbild der Heimat geworden: ,,So viele Erinnerungen mit einem Pulli hat vielleicht niemand. Der Pullover ist ein Stück Heimat. Ich vermisse meine Heimat. Heimat ist Heimat.“ Die Gegenstände werden als Erinnerungsstücke aber auch mit in der Heimat zurückgebliebenen, geliebten Menschen verbunden: ,,Meine Mutter wäre stolz auf mich, wenn sie mich bei der Abschlussfeier meiner neuen Ausbildung als Pflegekraft hätte sehen können. Mit ihrer Kette bleibt mir die Hoffnung, dass wir uns eines Tages wieder in die Arme schließen können.“ Besonders viel Kraft geben ihren Trägerinnen und Trägern auch religiöse Symbole bzw. die Bibel. Hier bekommt die Frage nach der Heimat eine weitere, spirituelle Dimension.


Und so legt diese Ausstellung tiefere Schichten frei, indem sie uns Betrachtende mit eigenen Ängsten in Berührung bringt, weil man sich zwangsläufig fragt: Wie würde es mir ergehen, was würde ich mitnehmen, was gäbe mir Kraft? Indem wir uns diesen Fragen stellen, werden aber auch unsere inneren Schätze geborgen, das, was uns wirklich wichtig ist im Leben.
 

Ein ganz besonderer Gewinn dieser Ausstellung ist, dass sie das Tor zur Empathie aufstößt. Wir können uns nicht besonders gut in anonyme Menschenmassen einfühlen, deshalb leiten auch bestimmte sprachliche Bilder in den aktuellen Debatten um Migration und Integration so fehl. Aber wir können uns sehr gut in einzelne Menschen einfühlen: Ihre besonderen Geschichten, Sehnsüchte und Träume wecken unser Interesse, bringen uns einander näher, auch wenn unsere geographischen Herkunftsorte oft meilenweit voneinander entfernt liegen.


Die Ausstellung verbindet auch Generationen miteinander: Viele Familien in Deutschland haben aufgrund von Vertreibung selbst eine Zuwanderungsgeschichte, mit der sich zunehmend auch die Jüngeren auseinandersetzen. Neu zugewanderte und alt eingesessene Nürnbergerinnen und Nürnberger erzählen hier ihre Geschichte. Nürnberg wird dadurch reicher, dafür mein herzlicher Dank!